Sabine, im September startet die neue Spielzeit der Astrid-Lindgren-Bühne. Worauf freust du dich besonders?
Auf ganz vieles! Besonders ist in diesem Jahr, dass wir erstmals eine KiA-Förderung des Bezirksamts Treptow-Köpenick erhalten. Dadurch können sich Berliner Theaterschaffende mit ihren Produktionen bei uns präsentieren und wir können Stücke ins FEZ holen, die wir aus räumlichen oder finanziellen Gründen bisher nicht einladen konnten. Das gibt uns die Möglichkeit, neue Themen auszuprobieren und wir haben deshalb dieses Jahr einen sehr vielseitigen Spielplan mit vielen neuen Produktionen. Neu ist auch, dass wir mehrere Stücke für ältere Kinder bis zur siebten oder achten Klasse zeigen können.
Außerdem haben wir gleich zwei Premieren im Programm: Das Kinderchor-Ensemble KlangVokal bringt mit „Hamlet – Prinzessin von Dänemark“ eine ganz eigene Interpretation des Shakespeare-Stoffs auf die Bühne. Und Profesor Bumbastic und Profesora Bumbastic präsentieren bei uns zwei neue Wissenschaftsshows.
Welche Stücke würdest du Familien aus dem neuen Spielplan besonders ans Herz legen?
Da gibt es schon im September einiges zu entdecken: „Papiertiger“ von Andreu Andreu ist zum Beispiel ein sehr filigranes Figurentheaterstück über einen kleinen Tiger. Wir spielen es auf unserer Puppenbühne, wodurch eine kleine, gemütliche Atmosphäre entsteht. Das ist besonders schön für Familien mit jüngeren Kindern. Von United Puppets zeigen wir das neue Stück „Ding Dong“. Wir sind große Fans dieser Theatergruppe, weil sie eine ganz eigene Ästhetik auf die Bühne bringt. In dem Stück geht es um die unterschiedlichen Menschen und Geschichten, die sich hinter den Türen eines Hauses verbergen – und natürlich auch um Konflikte zwischen Nachbar*innen. Das sind Alltagsthemen, die Kinder genauso ansprechen können wie ihre Eltern oder Begleitpersonen.
Etwas ganz Besonderes ist außerdem das portugiesische Gastspiel „F(Olha) / Umblättern“ von Martina Ambrosius. Das ist ein sehr intimes Tanztheaterstück für Kinder ab drei Jahren, das wir nur vor einem kleinen Publikum zeigen. Und dann freue ich mich schon auf die Familiennacht im Oktober. Da gibt es unter anderem ein Mitmachkonzert von Fargo, Theater, Kreativ- und Bewegungsangebote und ein geöffnetes Museum. Diese Abende haben immer eine ganz besondere Stimmung.

Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche Produktionen auf der Astrid-Lindgren-Bühne zu sehen sind?
Wir suchen nach spannenden künstlerischen Formen – gerne auch nach Ästhetiken, die unser Publikum vielleicht noch nicht kennt. Gleichzeitig helfen uns bekannte Geschichten dabei, Familien, Schulklassen oder Kitagruppen überhaupt erst einmal den Zugang zum Theater und zur kulturellen Bildung zu ermöglichen. Deshalb kann zum Beispiel ein bekannter Stoff auf Tanztheater, Performance oder Figurentheater treffen. Auch Materialtheater ist dabei, bei dem aus Papier, Pappe oder anderen Materialien Figuren und ganze Welten entstehen.
Uns ist wichtig, ein großes Spektrum zu zeigen: Schauspiel, Puppen- und Figurentheater, Konzerte, Tanz und mit „Theater macht schlau“ auch Wissenschaftsshows, bei denen Wissen mit den Mitteln des Theaters vermittelt wird. Und wir möchten Kinder nicht nur im Publikum sehen. Durch Kooperationen mit Chören, Tanzgruppen oder anderen Ensembles stehen auch Kinder selbst auf unserer Bühne. Das ist wichtig, weil sie dabei Selbstwirksamkeit erfahren – und weil Kinder im Publikum erleben, dass nicht nur Erwachsene ihnen Geschichten erzählen, sondern auch Gleichaltrige aus ihrer eigenen Lebenswelt.
Kinder wachsen heute mit Smartphones, sozialen Medien und inzwischen auch Künstlicher Intelligenz auf. Welche Rolle kann Kindertheater in dieser Welt noch spielen?
Ich glaube, dass Theater gerade deshalb weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen wird. Wir sind heute ständig von Medien und unterschiedlichsten Eindrücken umgeben. Im Theater erlebt man dagegen etwas unmittelbar und gemeinsam mit anderen Menschen. Man sitzt mit fremden Menschen in einem großen oder kleinen Raum, und vor einem stehen echte Schauspieler*innen, Tänzer*innen oder Wissenschaftler*innen. Was auf der Bühne geschieht, passiert genau in diesem Moment. Es kann sogar einmal etwas schiefgehen – und vor allem können die Menschen auf der Bühne auf das Publikum reagieren.
Das sieht man bei unseren „Pippi Langstrumpf“-Vorstellungen sehr schön. Die Kinder sind völlig gebannt und haben überhaupt keine Scheu, laut zu reagieren oder hineinzurufen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Uns ist wichtig, dass wir das zulassen. Kinder können im Publikum einfach so sein, wie sie wollen. Sie dürfen aufstehen oder hinausgehen, wenn sie eine Pause brauchen – und sie dürfen genauso laut sagen, dass sie es überhaupt nicht gut finden, wenn bei Pippi plötzlich die Diebe im Haus stehen. Diese unmittelbare Beziehung zwischen Bühne und Publikum ist eine Erfahrung, die ein anderes Medium so nicht ersetzen kann.
Muss sich Kindertheater trotzdem verändern, weil Kinder heute mit anderen Sehgewohnheiten und Erzählformen aufwachsen?
Natürlich muss sich Theater immer verändern. Für mich ist dabei aber der gesellschaftliche Wandel wichtiger als die Frage, ob Theater mit jeder technischen Entwicklung mithalten muss. Unsere Gesellschaft verändert sich sehr schnell, neue Themen kommen hinzu und andere Fragen werden wichtiger. Darauf kann Theater reagieren – manchmal sehr direkt, manchmal ganz sanft. Ein Stück kann sich zum Beispiel damit auseinandersetzen, was es bedeutet, ständig auf ein Smartphone zu schauen. Ich finde aber nicht, dass deshalb unbedingt mehr Technik auf die Bühne muss. Gerade das Live-Erlebnis sollte erhalten bleiben. Die Formen des Theaters erneuern sich ohnehin immer wieder.
In diesem Jahr findet im FEZ das Puppentheaterfest zum 30. Mal statt. Was macht Puppentheater heute noch so faszinierend?
Schon der Begriff Puppentheater hat sich sehr verändert. Heute sprechen wir häufig eher von Figurentheater. Eine Figur muss keine klassische Puppe oder Marionette sein. Ein*e Spieler*in kann aus einem Bettlaken und zwei Wäscheklammern direkt auf der Bühne eine Figur entstehen lassen. Das Faszinierende daran ist, dass ganz unterschiedliche Materialien und Alltagsgegenstände zum Leben erweckt werden. Dinge, die Kinder vielleicht aus ihrem eigenen Kinderzimmer oder Wohnzimmer kennen, bekommen plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung. Mit scheinbar wenig Aufwand können dabei riesige Theaterwelten entstehen.
Eine Kulisse wirkt zunächst klein – und plötzlich wird daraus ein ganzer Kosmos, weil aus den Gegenständen immer wieder etwas Neues entsteht. Das regt die Fantasie an. Kinder können diese Erfahrung mit nach Hause nehmen und selbst weiterspielen: Ein Auto bekommt plötzlich eine andere Rolle, ein Kuscheltier erzählt eine Geschichte. Besonders schön finde ich es, wenn das nicht nur Dreijährige fasziniert, sondern auch Acht- oder Neunjährige völlig gebannt dasitzen und einem Bären zuhören, der ihnen eine Geschichte erzählt.
Für welche Altersgruppen ist das Programm der Astrid-Lindgren-Bühne eigentlich gedacht?
Normalerweise richtet sich unser Spielplan vor allem an Kinder zwischen drei und zwölf Jahren. In dieser Spielzeit können wir unser Angebot aber stärker nach oben erweitern und haben mehrere Produktionen dabei, die auch für die siebte und achte Klasse interessant sind.
Dazu gehört zum Beispiel „Hamlet – Prinzessin von Dänemark“. Auch die Wissenschaftsshows von Professor und Profesora Bumbastic sind für ältere Kinder spannend. Durch die KiA-Förderung haben wir in diesem Jahr besonders gute Möglichkeiten, Programmpunkte anzubieten, die auch Jugendliche ansprechen.
Wenn ein Kind oder ein*e Jugendliche*r nach einer Vorstellung nach Hause geht: Was würdest du dir wünschen, dass von diesem Theaterbesuch bleibt?
Natürlich wünsche ich mir zunächst einmal eine gute Erfahrung und vielleicht auch eine neue Begeisterung für Theater und eine gewisse Wissensbegierde. Besonders schön finde ich es aber, wenn Kinder danach anfangen, über das Gesehene zu sprechen – mit ihren Eltern, in der Schule oder in der Kita. Wenn sie eine Geschichte weitererzählen, etwas wiedererkennen oder eine Frage aus dem Stück noch mit sich herumtragen, dann ist schon sehr viel erreicht. Dann bleibt etwas hängen. Und vielleicht hat das Theater damit einen kleinen Baustein fürs Leben gesetzt.
Lust auf Kindertheater? Hier geht’s zum neuen Spielplan der Astrid-Lindgren-Bühne.






